Jahreswechsel im nördlichen Patagonien

Nach unserer nächtlichen Zeltaufstellaktion erwachten wir am nächsten Morgen eher spät. Beim Morgenessen mit unserem Zeltnachbar stellen wir ziemlich  schnell fest, dass er auch ein Gleitschirmflieger ist. Gemeinsam schmieden wir daraufhin unsere Flugpläne für den Tag. Er wusste auch schon von einem Fliegerhostel mit eigenem Landeplatz ganz in der Nähe zu berichten. Wir beschliessen, dem Hostel einen Besuch abzustatten.

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Fliegerhostel in El Bolson mit eigenem Landeplatz

 

Eine gute Stunde Fussmarsch später erfahren wir von Martin, dem Hostelbesitzer, dass heute kein Flugwetter sei, da der Wind aus der falschen Richtung komme. Die Erklärung zum Flugebiet erhalten wir im Anschluss auf einer riesigen Karte. Die Wetterprognose sagt erst wieder für den zweiten Januar fliegbare Bedingungen voraus. Dies gibt uns genügend Zeit um nach Bariloche zu fahren und dort Silvester zu feiern.

Am nächsten Tag wollen wir nach Bariloche fahren. Wir beschliessen, dass wir für die knapp 100 Kilometer versuchen wollen per Anhalter zu fahren. Alle Reisenden, die wir bisher getroffen haben erzählten uns immer begeistert, wie einfach das hier in Argentinien sei. Nun denn, Daumen hoch und warten. Nach über einer Stunde warten, sind wir uns einig, dass Autostopp hier mindestens so mühsam ist, wie zu Hause. Moritz meint, er wolle es noch mit einem Auto versuchen. Ich sah uns schon im Bus sitzen. Und da hält doch tatsächlich das nächste Auto an! Wahnsinn, und der Fahrer fragt sogar, ob wir nach Bariloche fahren wollen. Booja, so cool. Wir freuen uns wie kleine Kinder, während wir zusammen mit Hernan die Strasse entlang düsen.

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Danke, Hernan!

 

Als wir in Bariloche ankommen, fragt uns Hernan nach der Adresse, wo wir hin wollen. Wie jetzt, der will uns tatsächlich vor der Haustüre von Maylis und Philippe absetzen? Wie toll ist das denn?! Mit dem Schlüssel, den uns die beiden mitgegeben haben, gelangen wir in die Wohnung. Toll, endlich haben wir wieder eigene vier Wände. Ok, wir teilen sie mit Paola, einer Freundin von Maylis und Philippe, die zur Wohnung schaut. Aber Paola arbeitet den ganzen Tag und so haben wir die Bude fast für uns alleine.

 

Silvester feiern wir zusammen mit Anna und Laura, den zwei Barcelonistas, die wir in Puerto Madryn im Hostel kennengelernt haben. Die Party ist laut und wild und bis wir endlich essen, ist schon fast Mitternacht. Während dem Essen zählen wir dann schliesslich die Sekunden rückwärts und rutschen vollen Mundes ins neue Jahr. Gegen zwei Uhr machen wir uns dann endlich auf, um noch mit ein par anderen in den Ausgang zu gehen. Leider entfalten all die gegärten Flüssigkeiten ihre Wirkung in meinem Köper genau zu diesem Zeitpunkt und als wir endlich vor dem Partylokal stehen, muss ich klein beigeben und meinen Wunsch nach einem Bett in die Tat umsetzen.

 

Hallo 2015, kannst du mich nicht noch etwas schlafen lassen? Hach ja, wir wollten ja schauen, ob es vom Cerro Otto fliegt. Ich reisse mich zusammen und gemeinsam mit Martin, unserem Zeltnachbar von El Bolson, machen wir uns daran, den Berg hinauf zu laufen. Es gibt zwar eine Gondel auf den Cerro Otto. Doch heute ist Neujahrstag und die Argentinier bevorzugen dann langes Ausschlafen. Gearbeitet wird erst am Zweiten wieder, also fährt die Gondel heute nicht. Abgesehen davon transportiert die Gondelbahn aus Prinzip keine Gleitschirme hoch. Das Risiko, das mit dem Sport einhergeht, wollen sie nicht tragen. Andere Länder, andere Sitten.

 

Als wir oben ankommen, bläst der Wind leider zu stark, um ans Fliegen zu denken. So geniessen wir halt einfach den Ausblick und das gute Gefühl, die Silvestersünden schon am ersten Januar wieder verbrannt zu haben und machen uns an den Abstieg.

Am zweiten Januar fahren wir mit dem Bus zurück nach El Bolson. Wir reisen mit leichtem Gepäck und verstauen den Rucksack nicht im Gepäckraum i. bauch des Busses. Waurm die Umstände? Wir haben festgestellt, dass man mit Handgepäck dort aus dem Bus aussteigen kann, wo man will. Da das Fleigerhostel ganz am Anfang von Bolson liegt, wollten wir nicht bis zum Busbahnhof in der Ortsmitte fahren.

Kaum im Hostel angekommen, wurden wir schon in den nächsten Pickup gepfercht, der zum Startplatz hochfuhr. Einen schönen Flug später lande ich dank viel Wind rückwärts in einem grossen Feld unweit einer Hopfenplantage.

 

Zurück im Hostel werde ich mit einer Flasche selbstgebrautem Bier empfangen. Martin, der Hostelbesitzer, braut pro Jahr in seinem 200 Liter Fass etwa sechs Mal Bier für seine Hostelbar. Wir haben schon im Dorf festgestellt, dass es hier in Bolson viele Mikrobrauereien gibt. Doch anscheinend gibt es noch viel mehr passionierte Hobbybrauer in der Region.

El Calafate

Wer zum Perito Moreno Gletscher will, startet seinen Ausflug oft in dieser Outdoor Touristen Stadt. El Calafate ist vom Preisniveau und der Touristendichte etwa mit Interlaken vergleichbar. Daher entschieden wir uns fürs Übernachten auf dem Campingplatz.

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Touristenfallen in Calafate
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So macht man einen Schlafsack mit Komforttemperatur 12 °C Patagonientauglich: Eine Rettungsdecke unterlegen, Daunenjacke um die Füsse wickeln und die Konstruktion mit einer zweiten Rettungsdecke garnieren. Wir nennen es auch Traumstation MIR 😉

Als wir auf der Suche nach einem günstigen Restaurant durch eine Nebengasse schlenderten, stiessen wir am Strassenrand auf ein Auto mit Berner Nummernschildern. So kam es dazu, dass wir den Abend mit Sabsi und Elias verbrachten und uns gegenseitig über die Stolpersteine der Schweizer Bürokratie beim Abmelden des Wohnsitzes lustig machten.

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Kaffeeklatsch im Aufenthaltszelt von Sabsi und Eli.

Am nächsten Morgen fuhren wir dann zum Perito Moreno Gletscher. Wie wir uns vor Ort selbst überzeugen konnten, ist dies wirklich einer der wenigen Gletscher, der noch wächst und zwar bis zu zwei Meter pro Tag. Dies führt zu einem schaurig schönen Spektakel: Immer mal wieder knackt es laut im Eis. Und dann auf einmal lösen sich Teile des Gletschers und stürzen tosend ins Wasser. Kalben wird dieser Vorgang genannt.

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Stägeli uf….                                                             … Stägeli ab.

Das Gelände vor dem Gletscher wird heute von einer riesigen Anlage aus künstlich angelegten Gehwegen über Metallgitter geprägt. Nicht sonderlich schön dafür sehr praktisch, da sich mehrere Personen nebeneinander bewegen können. An bestimmten Punkten sind kleine Aussichtsplattformen gemacht worden, die mit kleinen Bänken zum Verweilen und Beobachten des Gletschers einladen.

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Moritz braucht mal einen neuen Haarschnitt. Weil das Budget knapp ist, spielten wir Friseursalon auf dem Campingplatz. Der Vorher-Nachher-Vergleich zeigt klar: Üben, üben, üben…

 

 

Puerto Madryn – Oder Pläne sind zum Ändern da

Nachdem wir in La Cumbre endlich unsere Flügel ausbreiten und uns damit in die Lüfte schwingen konnten, fuhren wir zurück nach Córdoba. Von dort wollten wir mit dem Flieger nach El Calafate gelangen. Die Flüge wurden so kurzfristig online für ca. 350.- Dollar angeboten. Bei Aerolineas Argentinas fanden wir denselben Flug für etwa die Hälfte. Schlaue Füchse, die wir sind, zack zum Reisebüro marschiert. Den guten Wechselkurs des Schwarzmarktes im Hinterkopf, wollten wir die Flüge bar bezahlen. Was für ein Schnäppchen!
Die Dame im Reisebüro griff auch ganz schnell zum Telefon und rief bei Aerolineas an. “ Si, dos extranjeros, para mañana. Si“ und dann schrieb sie eine Zahl jenseits von 400.- Dollar aufs Blatt. Gemäss unserer Online Recherche entsprach das dem Preis von zwei Flügen. Wir waren innerlich schon am Jubeln, als sie trocken meinte: “ Es para persona“, wie jetzt, gehts noch? Pro Person?! Erklärend fügte sie hinzu, dass Argentinier auf Inlandflügen nur die Hälfte zahlen würden.
Nun gut, 400 pro Person war dann doch etwas viel für unser Budget.
So kam es, dass wir zum Busterminal gingen und uns zwei Tickets für die 21 Stunden Fahrt nach Puerto Madryn kauften. Schliesslich fährt kein direkter Bus nach El Calafate und so etwas wie Anschlussbillete kennen die hier nicht.

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Ein Sonnenuntergang, wie kein anderer: Weil wir unterwegs nach Süden waren, und die Tage dort länger sind als im Norden, konnten wir dem Schauspiel eine halbe Stunde zuschauen.
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Unterhaltungsprogramm im Bus von Andesmar: Bingo spielen. Der Gewinner bekam eine Flasche Wein.

In Puerto Madryn, einem nicht sonderlich sehenswerten Küstenstädtchen, quartierten wir uns im Hostel El Retorno ein. Die Madame war zwar sehr hilfsbereit aber immer gestresst. Schliesslich führte sie das Hostel zusammen mit ihrem Mann und einem Nachtportier alleine.

 

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Muschelfriedhof am Strand von Puerto Madryn

Die Aktivitäten, die man um Puerto Madryn herum machen kann, sind allesamt sehr teuer. Der Besuch der Peninsula Valdes, einer grossen Engehalbinsel, die als Naturreservat geschützt ist, kostet bereits 580.- A$ wenn man dann noch mit dem Boot aufs Meer will, um die Wale zu sehen, schlägt das noch einmal mit 650.- A$ zu Buche. Der Eintritt zur Peninsula ist dagegen mit 180.- A$ ein Schnäppchen.
Schnorcheln mit den Seelöwen macht 1000.- A$ und Kayak fahren mit den Seelöwen gibt es für 650.- A$.
Wir entscheiden uns dann kurzerhand fürs Kayak, da wir uns davon das beste Erlebnis zu einem angemessenen Preis versprachen.

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In der Ferne sieht man Puerto Madryn 😉

Der Ausflug war auch wirklich gelungen. Wir waren nur vier Personen plus Guide, die am nächsten Morgen zur Seelöwenbucht paddelten. Dank unserer Aareböötlierfahrung gewöhnten wir uns schnell ans Paddeln im Doppelkayak. Unsere Kollegas hatten da schon mehr Mühe und rammten einige Male unkontrolliert die Uferböschung, bis sie den Dreh endlich raus hatten.
Die Seelöwen entpuppten sich als ziemlich quirlige und neugierige Gesellen und planschten emsig um unsere Kayaks herum.

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Kayakidylle
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Neugierige Kerlchen!

 

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Seelöwen Synchronschwimen

 

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Hau Ruck!

 

Guten Mutes gingen wir am nächsten Tag zum Busbahnhof und wollten unser Ticket nach El Calafate kaufen. Nix da, wird nicht angeboten, wir sollen nach Rio Gallegos fahren, sagt der Herr am Schalter. Dort gäbe es dann schon Busse nach Calafate.

Beim Betrachten der Landkarte stellte sich für uns dann schnell einmal klar, dass wir uns von Rio Gallegos aus den Weg nach El Calafate sparen können und direkt nach Puerto Natales fahren könnten. So kam es dann, dass wir über Nacht von Puerto Madryn nach Rio Gallegos fuhren, dort den nächsten Bus (nur 5 Stunden Wartezeit) nach Puerto Natales bestiegen und nach ca. 28 Stunden Transfer unser Zimmer im Casa Teresa bezogen.

Everglades National Park

Als ich im Vorfeld zu unserer Reise erwähnte, dass wir die Everglades besuchen werden, waren die Reaktionen der Zuhörer sehr identisch: ‚Ui, seid vorsichtig, da gibt es Alligatoren, die sind gefährlich!‘

Von den Mücken hat keiner was gesagt! Dass die viel bissiger sind als Alligatoren und auch keine Menschenscheu kennen, muss ich hier nicht erwähnen, aber dazu komme ich später.

Mangroven
Mangroven neben der Looproad
Baby Alligator
Baby Alligator
Mangroven neben der Loop Road
Einblick in eine fremde Welt

Zum Einstieg in die Everglades gönnten wir uns die Loop Road. Bequem im Auto und ohne die Gefahr der Natur physisch zu nahe zu kommen, cruisten wir gemütlich über diese Route. Von einer Minibrücke zur nächsten. Dazwischen war dichte Mangrovenvegetation, die mich stark an ein Dschungelpuzzle aus meiner Jugend erinnerte. Jede Minibrücke bot einen Einblick in die Wasserwelt jenseits der Mangrovenwand. Vögel und Fische waren die Tiere, die wir am häufigsten beobachten konnten. Ab und zu sahen wir einen Alligator. Sehr scheue Tiere! Kaum bemerkten sie uns, tauchten sie jeweils in ihre Unterwasserwelt ab.

Die Nacht verbrachten wir ausserhalb des Parks, da wir erst nach Sonnenuntergang die Loop Road beendeten und die Parks normalerweise bei Sonnenuntergang ihre Pforten schlossen.

Bei der Einfahrt auf dem Miami Everglades Campground in der Nähe von Homestead empfingen uns zahlreiche Nascar Plakate. An der Rezeption erklärte uns dann die nette Dame mit einem bedauernden Lächeln, dass gerade das letzte Rennen der Nascar Saison gefahren wird und sie uns deswegen nur das Nascarpaket für 370$ anbieten könne. Wir sollen doch sonst mal beim State Park anfragen, ob dort noch was frei sei. Wir erklärten ihr dann, dass der sicher schon geschlossen ist und fragten, ob sie Internet hätte, damit wir nach einer Übernachtungsmöglichkeit suchen könnten. Irgendwie müssen wir einen bedauernswerten Eindruck gemacht haben. Auf jeden Fall änderte sie ihre Meinung und verkaufte uns eine Nacht für 38$. Glück gehabt!

Nach dieser Nacht unter dem Licht einer Strassenlaterne freute ich mich sehr auf die Abgeschiedenheit im Everglades National Park. Frohen Mutes fuhren wir bis zum Flamingo Visitor Center. Dort empfingen uns bereits die ersten Mücken. Kein Problem, schliesslich hatten wir uns mit der Super-Anti-Mücken-Waffe Ben’s 100 ausgerüstet, nach dem wir, besonders ich, auf den Keys von Sandflöhen überfallen wurden.

Beste Freunde: Ben's 100 und Click-Away von Care Plus
Beste Freunde: Ben’s 100 und Click-Away von Care Plus
Böses Omen?
Böses Omen?

Im Visitor Center stellten wir dann fest, dass der November noch zur Nebensaison der Everglades gehört. Die Nine Mile Pond Tour, die wir mit dem Kanu machen wollten, aber auch ohne Ranger befahren werden kann, klang in unseren Ohren ganz verlockend. Auf Grund der Dauer von ca. vier Stunden entschieden wir uns, diese erst am folgenden Tag zu machen.

Spielen im Wind
Spielen im Wind

Erst wollten wir unseren Gleitschirmen die weiten der USA zeigen. Dazu fuhren wir an den Strandteil des Flamingo Campgruonds. Der Wind wehte perfekt vom Meer her. Es tat gut, mal wieder die Leinen in den Händen zu halten und etwas mit dem Wind zu spielen. Aber heiss war es!

Spielen im Wind

 

Spielen im Wind kurz vor Sonnenuntergang

Ben’s 100 hin oder her, nach Sonnenuntergang begann die Mückenhölle! Wir erlebten nun am eigenen Leib, weshalb noch Nebensaison in den Everglades war. Zu Hunderten überfielen uns die Mücken. Die einzigen sicheren Orte waren im Auto, im Zelt, unter der Dusche oder eingepackt in Regenkleider. Die ganze Nacht über hörte ich die Biester ausserhalb des Zeltes bedrohlich sirren. Das macht echt Laune! Nine Mile Pond ist gestrichen! Da bringen mich keine hundert Pferde hin!

Fazit: Die Everglades sind wirklich schön. Vom Auto aus. In der Nacht taugen sie eher als Mutprobe Location.

Vielleicht ist es während der Hauptsaison, die am 21. Dezember startet, besser. Ein Versuch wäre es auf jeden Fall wert.